Arthur Schnitzler

Ballade von den drei Brüdern

Drei Brüder rasten durch das Land
Zu morden, zu rauben, zu sengen.
Der Erste, welch ungeschickter Fant,
Gar bald vor seinen Richtern stand
Und mußte als Frevler hängen.
 
Die beiden andern, die wußten klug
Ihr Schicksal ins Große zu wenden;
Ein jeder, voran seinem johlenden Zug
Voran eine wehende Fahne trug
In blutbefleckten Händen.
 
Hier wehte sie rot, weiß wehte sie dort
Und unter so prangenden Zeichen
War Raub nicht Raub mehr und Mord nicht Mord.
Nur die Erschlag’nen — was ist auch ein Wort —
Die hießen auch weiterhin Leichen.
 
Doch da sie hinraffte politische Not,
So mußten sie’s eben verwinden.
Und von den zwei Brüdern in weiß und rot,
Sei Sieg ihr Ende, sei‘s Heldentod,
Wird einst die Geschichte künden.
 
Den Ersten indes hat längst mit Fug
ruhmlos die Hölle verschlungen —
Der ohne hochtönender Worte Flug
Auf eig‘ne Faust die Leute erschlug
Und keinerlei Fahne geschwungen.

Arthur Schnitzlers Aufzeichnungen über und gegen den Krieg liegen seit Herbst 1967 im fünften Band der Gesamtausgabe, die der S. Fischer Verlag herausgebracht hat, vor. Nicht aufgenommen wurde in diesen Band „Aphorismen und Betrachtungen“ die „Ballade von den drei Brüdern“, eines der wenigen Gedichte Schnitzlers. Es wird hier zum erstenmal gedruckt.

Reinhard Urbach